Welchen Anteil spielen Atemwegerkrankungen in Ihrer Pferdepraxis?
Atemwegserkrankungen nehmen in meiner Praxis wie wohl auch in jeder anderen Pferdepraxis neben den orthopädischen Erkrankungen den größten Anteil der kurativen Tätigkeit ein. Die Pferdelunge ist ein Hochleistungsorgan, welches sich sich zu keinem Zeitpunkt im Leben eine Pause gönnt: mit jedem Atemzug werden ca.
5 Liter Luft bewegt, da sind fast 100.000 Liter am Tag. Bei einem Pferd, welches gerade Höchstleistungen vollbringt, sind es in der Minute gut 1.500 Liter. Würde man die Millionen kleinster Lungenbläschen, die den Gasaustausch vollbringen, ausbreiten, würde man die Fläche eines Fußballfeldes damit bedecken können.
Warum erkrankt gerade die Lunge so häufig beim Pferd? Welches sind die auslösenden Faktoren?
Insbesondere die heutigen Haltungsbedingungen tragen wesentlich dazu bei, dass das Atemsystem häufig erkrankt und die Leistungsfähigkeit des Pferdes deutlich eingeschränkt wird. Auf der einen Seite schädigen die permanente Staub- oder Schimmelpilzbelastung durch minderwertiges Stroh, Heu oder Kraftfutter, aber auch eine mögliche
Ammoniakbelastung durch die Einstreu die empfindliche Pferdelunge, anderseits bekommt das Pferd durch seine Boxen – und Stallhaltung in vielen Fällen gar nicht mehr die Gelegenheit, seine Lunge ausreichend zu entfalten und mit Frischluft zu ventilieren, so daß sich der mehr oder weniger zähe Schleim in der Lunge festsetzen kann und wichtige Bereiche der Lunge nicht mehr am Gasaustausch beteiligen können.
Wie äußern sich derartige Erkrankungen des Atemsystems?
Ein kurzes aber sich immer wiederholendes „Anstoßen“ beim Fressen oder zu Beginn der Arbeit sowie ein dünnflüssiger oder gar zäher, schleimiger Nasenausfluß sind die ersten Hinweise auf eine erkrankte Lunge. Steigert sich das „Anstoßen“ bis hin zu einem permanenten Husten verbunden mit Nasenausfluß, erhöhter Atemfrequenz (normal: 12 – 16 Atemzüge pro Minute) mit geblähten Nüstern, Mattigkeit, eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit oder gar Fieber sind dies Hinweise, dass das Pferd einer tierärztlichen Untersuchung und Behandlung bedarf.
Welche Möglichkeiten der Behandlung schlagen Sie vor, was kann der Pferdebesitzer selbst dazu beitragen, dass sein Pferd gesundet oder erst gar nicht erkrankt?
Zur Behandlung eines lungenkranken Pferdes bieten sich je nach Erkrankungsform und –stadium verschiedene Therapieansätze an. In der Regel sind Injektionen entzündungshemmender Medikamente (Cortison) in Verbindung mit einer oralen Gabe schleimlösender und lungenentkrampfender (bronchospasmolytisch) Präparate schon hilfreich. Die schleimlösende Wirkung kann durch ein fachgerechtes Inhalieren deutlich gesteigert werden; aus früheren Jahren mag vielen die sogenannte „Lungenspiegelung“ noch in Erinnerung sein. Vorbeugende Impfungen gegen virale Auslöser von Lungenerkrankungen sollten für jeden Pferdebesitzer selbstverständlich und üblich sein; eine zusätzliche Immunitätssteigerung kann durch Paraimmunitätsinducer vorgenommen werden.
Keine andere Erkrankung bedarf neben der medikamentellen Therapie einer solch aktiven Mithilfe durch den Pferdebesitzer oder Stallbetreiber wie es bei den Atemwegserkrankungen der Fall ist, um einen deutlichen und langfristigen Behandlungserfolg zu erzielen. Der tägliche Auslauf (Paddock, Weide), eine regelmäßige Bewegung aber insbesondere die Verringerung der Staubbelastung tragen wesentlich dazu bei vorzubeugen bzw. einem erkrankten Pferd zu helfen. Die Verringerung der Staubelastung umfasst das Anfeuchten von Heu und Kraftfutter bzw. gleich den Einsatz von Heulage. Schimmliges oder verpilztes Futter sollten entsorgt werden. Beim Ausfegen der Stallgasse sollte diese zuvor nass gemacht werden; immer wieder beobachtet man, wie eingestallte Pferde z.T. stundenlang dem aufgewirbelten Staub ausgesetzt sind. Die Wiederholung dieses Arbeitsvorgangs belastet die Tiere folglich dauerhaft. Von größter Wichtigkeit sind bei jenen Maßnahmen, die durch den Pferdebesitzer ergriffen werden, die Wahl einer Einstreu, die erstens wenig oder gar keine Staubbelastung oder Gehalt an Pilzsporen für das Pferd mit sich bringt und zweitens eine langfristige Bindung von Schadgasen, z.B. Ammoniak, bewirkt. Immer häufiger wird für Sport- aber auch Freizeitpferde eine Holzeinstreu gewählt, durch die insbesondere Atemwegerkrankungen entgegen gewirkt werden kann.
Wie bewerten Sie Stroheinstreu im Allgemeinen und wie fällt Ihre Einschätzung insbesondere nach der diesjährigen Strohernte aus?
Stroh wird nachwievor in vielen Ställen als Einstreu verwendet. Es ist in der Regel leicht zu beschaffen und entsprechend einfach wieder zu entsorgen. Ein generelles Laster, welches das Stroh immer mit sich trägt, sind Staub, Schmutz und eine Vielzahl von Schimmel- und Pilzsporen. Dieses Jahr ist die Strohernte in weiten Teilen Deutschland extrem schlecht ausgefallen. Der kurze, regenreiche Sommer führte dazu, dass die Qualität des Strohs wie auch dessen verfügbare Menge alarmierend gesunken ist. Gutes Stroh ist im Moment sehr gefragt und im Vergleich zu den Vorjahren zu deutlich gestiegenen Preisen erhältlich. Somit gewinnen alternative Einstreumöglichkeiten zunehmend an Bedeutung.
Welche Alternativen gibt es zur Stroh-Einstreu?
Als Alternative zur üblichen Stroheinstreu Holzeinstreuprodukte zur Verfügung; gerade bei hustenden Pferden oder Pferden, die wissentlich allergisch auf Staub reagieren, sollte anstelle von Stroh auf Späne-Einstreu umgestellt werden. Auch bei Pferden, die aufgrund unregelmäßiger oder zu wenig Bewegung zu Verstopfungskoliken neigen, können wärmebehandelte Alternativen, wie beispielsweise Späne oder Pellets, als Einstreu von Vorteil sein.
Worauf ist bei der Einstreu in Bezug auf die Fütterung zu achten?
Bei der Nahrungsaufnahme kann in einer Strohbox der Verzehr von Stroh nicht kontrolliert werden. Als Dauerfresser nimmt das Pferd beständig Stroh zu sich. Sinkt die Qualität des Strohs, steigt die Aufnahme von krankheitserregenden Stoffen im Organismus. Neben einer potentiellen Überfütterung der Tiere, besteht hier die Gefahr von Koliken – ausgelöst von Schimmel- und Pilzsporen.
Zugleich können während der Futteraufnahme von schlechtem Stroh auch Atemwegerkrankungen provoziert werden. Ein chronischer Husten und eine Stauballergie können die Folge sein.
Einstreu-Späne und Pellets werden aus schadstofffreien Weichhölzern hergestellt, welche über das gesamte Jahr keinen Qualitätsschwankungen unterliegen. Durch die Wärmebehandlung während des Produktionsprozesses und einer mechanischen Aussiebung aller Feinanteile, sind die Produkte nahezu keim- und staubfrei. Die Einstreu ermöglicht die kontrollierte Futteraufnahme – sowohl Futtermenge als auch -qualität sind genauesten regulierbar.
Wie beeinflusst man aktiv die Stallluft?
Der Staubanteil dieser Produkte ist generell sehr gering. Darüber hinaus ist es möglich durch Anfeuchtung der Einstreu-Pellets eine gleichbleibend hohe Luftfeuchtigkeit in den Stallungen bzw. Boxen zu schaffen. Eine Luftfeuchtigkeit von 60-70% entspricht einem gesunden Klima für eine Pferdelunge.










